19.05.2012, Neue Westfälische

Durchwachsenes Wuppertaler Gastspiel

Konzert der Kurrende und des Knabenchors Gütersloh

Bei der Wuppertaler Kurrende sind Sopran und Alt mit Jungen zwischen neun und Stimmbruch besetzt, das Alter der Männerstimmen reicht von vierzehn bis ins Rentenalter. Sie singen anspruchsvolle Sakralwerke verschiedener Epochen, aber auch Volkslieder. Am Himmelfahrtsabend konzertierte die Wuppertaler Kurrende auf Einladung des Gütersloher Knabenchors vor etwa 120 Zuhörern in der Martin-Luther-Kirche.
Mit Max Reger zelebrierte die von Dietrich Modersohn hinweisreich geleitete Kurrende einen ersten Programmhöhepunkt: Das fünfstimmige "O Lamm Gottes, unschuldig" schwebte facettenreich durchs Kirchenschiff. Auch das folgende "Agnus Dei" aus der Feder Frank Martins servierten die Sänger als intensiv ausgestalteten Ohrenschmaus, bei dem glockenreinen Knabensoprane sich in optimaler Tarierung wirkungsvoll von den sanft-dunklen Männerstimmen abhoben.
Ganz anders die ersten beiden Werke: Unsichere Einsätze, dazu die spürbar angestrengten, deutlich heraushörbaren Stimmen einzelner Choristen und die eher statisch-mechanische Gesamtpräsentation warfen beim Publikum die Frage auf, ob teilweise noch im Grundschulalter befindliche Jungs die richtige Besetzung für ein Abendkonzert, noch dazu ein neunzigminütiges ohne Pause, sind.
Hierauf gab der Gütersloher Knabenchor wenig später eine mitreißende Antwort: Klangstark, frisch und in hinreißender Singfreude steuerte er dem Konzertabend drei blitzsauber intonierte Volkslieder bei, am Klavier begleitet von Chorleiter Sigmund Bothmann. Auch die Wuppertaler streuten weiterhin hörenswerte Klangperlen ein, wobei die Konzentration der in der ersten Sängerreihe platzierten Jüngsten sichtlich nachließ, die gerade in komplizierten, fugenartigen Passagen deutlich den Faden verloren. So zum Beispiel bei Samuel Barbers für sechs- bis neunstimmigen Chor adaptierten "Adagio for strings" op. 11, das an Kraft, Richtung und Intonation letztlich einiges zu wünschen übrig ließ.
Auch die Wuppertaler hatten für den zweiten Konzertteil einige Volkslieder im Gepäck, bevorzugten aber im Gegensatz zu ihrem Gastgeberchor, mit dem sie auch zwei Volkslieder lang gemeinsam überzeugten, eher vielschichtige Variationen der einfachen Weisen als die mehrstimmig gesetzte Urform. Besonders bei der Ballade von den Königskindern ein Gewinn: Für jede Strophe fanden die Wuppertaler eine bestens angepasste Klangsprache, bis hin zur finalen Totenglocke für die glücklosen Liebenden, die die letzte Strophe gänsehautträchtig überstrahlte.
Es wäre sicher ein Gewinn, wenn ein hochpotenter, mit reichem Stimmpotential und klanglicher Ausdrucksvielfalt gesegneter Chor wie die Wuppertaler Kurrende demnächst wieder einmal in Gütersloh Station machen würde - aber vielleicht doch besser mit einem Nachmittagskonzert.
Heike Sommerkamp