19.10.2011, Neue Westfälische

Chroprobe der besonderen Art

John Norris, Gesangscoach bei "Neue Stimmen", arbeitet mit dem Knabenchor

Beim Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" waren Bewerber und Juroren bis zum Semifinal-Konzert weitgehend unter sich. Diesmal möchte die veranstaltende Bertelsmann-Stiftung die zumeist nur einem recht kleinen Publikum vorbehaltene Leidenschaft für klassischen Gesang einem größeren näher bringen. Eine Facette dieses "Klassik im Herbst" war das Gesangstraining mit dem ganz jungen Gütersloher Nachwuchs: Dem Knabenchor. Eine höchst vergnügliche Lehrstunde mit John Norris.
Der Gesangs- und Bewegungscoach ist das dritte Mal auf Einladung der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Statt bereits exquisit ausgebildeter Sänger trainiert er heute eineinhalb Stunden lang junge Knaben. "Oh, ich dachte, es wäre nur zehn", sagt Norris und mustert besorgt die in die Studiobühne des Theaters drängende Schar von 30 Jungs. Nein, er habe keinerlei Erfahrung mit dem Coaching von Kindern. Auch keinen wirklich ausgefeilten Plan. Wenn es laut werde, würde er eben singen.
Das braucht Norris nicht. Die Knaben sind diszipliniert, eifrig und kurze Zeit später gehörig verwirrt. Das Lied vom Pudel, der von Oma todgestrudelt oder -genudelt wird, absolvieren sie routiniert, am Klavier von ihrem Chorleiter, Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann, begleitet. John Norris hört aufmerksam zu, lobt nach dem letzten Akkord und fragt, wie die Jungen das Lied von Erich Ferstl finden. "Frech", lautet die Antwort. Das ist Musik in Norris' Ohren. "Frech", das lässt sich vortrefflich in Körpersprache umsetzen. Etwa im Gang. Hände in den Hosentaschen, wahlweise darf die Faust in die geöffnete Hand geschlagen werden, ein in den Hüften wiegender Gang, ein provokanter Blick. Die Jungs machen es begeistert nach, vergessen dabei hier und da das Singen.
Dann wird das Lied erneut gesungen, die Bewegungen im Liedrhythmus nur noch angedeutet. Und tatsächlich: Der Gesang ist ausdrucksstärker, spiegelt das "Freche" deutlicher wider. "Besser", urteilt Norris. Bothmann nickt, die Jungs sind geteilter Meinung.
Darum geht es im Training: Zu lernen, wie man Bühnenpräsenz zeigt, wie man den Körper mit einbezieht, ohne dass die gedachten Bewegungen für das Publikum sichtbar sind, wie man sich darstellt, sich wichtig nimmt ohne sich wichtig zu machen und sich dabei selbst zu verlieren.
Die Knaben spielen auch in den folgenden Liedern das, was sie singen: Von Fröschen und Enten etwa. Die einen quaken hingebungsvoll mit zugehaltener Nase, die anderen durchmessen die Halle hüpfend wie Frösche, bis sie atemlos und erschöpft mit hochroten Köpfen nach einer Pause verlangen. Doch es folgt bei der "Ananas im Regenfass" noch eine kleine swingende Lehrstunde in den Bewegungen des Boogie-Woogie.
Gut habe es ihm gefallen, sagt ein Junge folgsam nach der Chorprobe, zuckt aber etwas ratlos mit den Schnultern, offenbar unsicher, ob er das Leistungsziel erkannt hat. Eine Mutter äußert sich dagegen begeistert. Bei den Proben geht es sonst schon sehr diszipliniert zu. Sie findet es gut, dass die Kinder "aus sich herauskommen" dürfen.
Wenn auch nur, um sich später zurückzunehmen. Was die Knaben von John Norris wirklich gelernt haben, ist noch ungewiss. Der ein oder andere wird bei der nächsten Darbietung der "Ananas" vielleicht an den Hüftschwung des Boogie-Woogie denken. Das Publikum wird es nicht sehen, aber hören. Garantiert.

Info John Norris:
* John Norris begann seine Karriere vor über 20 Jahren als Lehrer am American Conservatory Theater in San Francisco.
* Als er von der Wolf Trap Opera Company engagiert wurde, um mit jungen Sängern zu arbeiten, entdeckte er seine Berufung.
* Er arbeitete am International Vocal Arts Institute in Tel Aviv, im Metropolitan Opera Young Artist Development Program, dem Curtis Institute of Music und dem Shanghai Conservatory of Music.
* Norris unterrichtet im Bayerischen Staatsopernstudio und im Internationalen Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden.
Anette Isringhausen