15.12.2010, Neue Westfälische

Ausdrucksstarker Sängernachwuchs

Gütersloher Knabenchor begeistert in der Martin-Luther-Kriche -angeleitet von gleich drei starken Dirigenten

Im Vergleich zu den mehr als 1000 Jahre alten Domspatzen aus Regensburg, fast 800 Jahre alten Thomanern aus Leipzig oder um 100 Jahre jüngeren Kreuzchoristen aus Dresden sind die Knaben des Gütersloher Chores mit ihren drei Jährchen erst einmal wahre singende Küken. Doch ihr Können haben sie am Sonntag in der Martin-Luther-Kirche in Gütersloh schon zum zweiten Mal in ihrer kurzen Geschichte bewiesen.
Sie blicken zwar auf keine Jahrhunderte alte Tradition zurück, müssen sich aber bereits mit der gewaltigen Konkurrenz konfrontieren lassen. Es gibt nämlich nur in Deutschland außer den gediegenen Knabenchören auch einige jüngere, ob Winsbacher, Tölzer oder Hannoveraner, deren musikalisches Potenzial außergewöhnlich ist.
Die Gütersloher Knaben wirken trotz des jungen Alters reif und verantwortungsbewusst. Und sie zeigen tatsächlich, dass sie einige Hürden auf dem langen Weg zum musikalischen Gipfel erklommen haben. Sie singen natürlich, artikulieren deutlich und fast immer intonationssicher, folgen sehr eifrig ihren drei Dirigenten und scheinen mit der Deutung ihrer nuancierten Signale keine größeren Probleme zu haben. So kann die Musik fließen, schweben und schwingen, gleichzeitig ist jedoch ihre Faktur erkennbar und verfolgbar. Die Klanghomogenität des Chores wird sich gewiss noch weiter entfalten. Das freudestrahlende Musizieren demonstrieren sie schon jetzt.
Dabei wurde den Gütesloher Sprösslingen bei diesem Konzert nichts geschenkt. Zu Beginn mussten sie in "Veni domine" von Felix Mendelssohn-Bartholdy ein intonationssicheres Unisono, später organisch und lebendiges Ineinandergreifen der Stimmen und das Crescendo auf einem Ton anbieten. In Mozarts "Offertorium Inter natos mulierum" wird von ihnen erwartet, dass sie das ausdrucksvolle Thema in immer neuen steigernden kontrapunktischen Abwandlungen verfolgen. Und das alles trotz der anfänglichen Anspannung, die dem chorischen Atem bekanntlich einen Bärendienst erweist. Im ersten Stück begleitete sie Organist Georg Hellebrandt, im zweiten das Bachorchester Gütersloh.
Der Mittelpunkt des Adventskonzertes bildete Alpenländische Weihnacht, eine Reihe chronologisch folgender besinnlicher und fröhlicher Advents- und Weihnachtslieder. In behutsamer Begleitung der Harfenistin Regine Kofler tauchten elf musikalische Portraits auf, ganz fein nuanciert: vom schwärmerischen Klang des ersten Liedes "Mir hat die heilige Weihenacht" über das tadellos akzentuierte "Geht Buama, stehts gschwind auf" mit gelungenen solistischen Einsätzen bis zum dynamischen Andachtsjodler. Eine beeindruckende Palette der Fähigkeiten des jungen Chores!
Zum Schluss durften nicht die bekanntesten Lieder "In dulci jubilo", "O du fröhliche" und "Stille Nacht" fehlen. Die ersten beiden Titel strahlten durch mutige Akzentuierungen Anmut und Frische aus. "Stille Nacht" war schlicht und schön, gesungen mit lang gehaltenen Klängen und ruhigem Atem.
Mit Sigmund Bothmann, Ernst Leopold Schmid und Christian J. Bonath sind es zugleich drei musikalische Persönlichkeiten, die den Kindern binnen kurzer Zeit ein äquivalentes Pensum des musikalischen Könnens zugänglich gemacht haben. Es lässt sich unschwer erahnen, wieviel disziplinierte Arbeit hinter dem spontanen und freudigen Musizieren steckt. Als Dirigenten stellten sich die drei als starke Persönlichkeiten dar, die musikalische Botschaften unterschiedlich vermittelten. In einem waren sie sich aber ähnlich: Das Kommunizieren mit den Kindern funktionierte perfekt.
Eugenie Kusch