21.09.2010, Die Glocke

Aus purer Freude am Schwierigen

Als eine "moderne und vergnügliche Neufassung" des "Struwwelpeters" mit "witzigen und ironischen Geschichten" war das Konzert des Gütersloher Knabenchors angekündigt.

Tatsächlich hat die 1975 von Tilo Medek komponierte Kantate "So ein Struwwelpeter" ihre Meriten: Sie ist anspruchsvoll und doch eingängig, effektsicher und pointiert. Und vor allem der richtige Stoff für den Knabenchor, um seine Brillanz vorzuführen.
Wären doch diese entsetzlichen Texte nicht. Der 2003 verstorbene Satiriker und Kabarettist Hansgeorg Stengel setzt in seinen 1970 in der damaligen DDR erschienenen 14 Geschichten die schwarze Pädagogik des Originals fort - und das mit virtuoser Feder. Sogar die "Verfehlungen" der Kinder sind dieselben: Aus Friederich, dem Wüterich, wird der "Tierquäler Matthias", der Zappelphilipp durch die "ungezogene Luise" ersetzt, und aus dem Daumenlutscher Konrad wird die Daumen lutschende Sybille.
Der werden die Daumen zwar nicht mehr abgeschnitten, sie entfliehen ihr aber und gehen auf Wanderschaft. Immer also gilt es in diesen moralinsauren Moiritaten, das (durchaus nicht immer unsympathische) Verhalten von Kindern zu sanktionieren. Erträglich werden diese Texte nur dadurch, dass der Knabenchor unter der Leitung von Ernst Leopold Schmid die zum Teil sehr schwierige Musik Tilo Medeks mit großem Engagement und Können singt.
Wie der 2006 verstorbene Komponist, dessen Witwe und Tochter der Gütersloher Aufführung beiwohnten, in den kurzen Sätzen das Geschehen in einen rhytmisch prägnanten Fluss bringt, einprägsame Melodien reizvoll durch schwierig zu singende Intervalle zu anspruchsvoller Konzertmusik aufwertet, ist amüsant zu hören. Zumal die Kinder diese Schwierigkeiten nicht spürbar werden lassen. Insbesondere die Solisten des Chors, Linus Hachenberg, Max Kroll, Carl-Luis Lange, Jannis Maaskerstingjost, Nils Osterkamp und Chris Zajonc, können gar nicht genug gelobt werden. Wie sie ihre schweren Parts meisterten, machte nicht nur Spaß zu hören, sondern ließ auch Freude an der Bewältigung der schwierigen Aufgabe erkennen.
Zusammen mit den exzellenten Bläsern und Schlagzeugern, die ungewöhnliche Klangfarben in diese Chormusik einbrachten, war das ein unter musikalischem Aspekt hochkarätiger Abend im Städtischen Gymnasium, der mehr als die rund 50 Besucher verdient gehabt hätte. Und eben auch einen besseren Text. Lassen sich nicht einfach F. K. Waechters "Anti-Struwwelpeter"-Zeilen unterlegen?