09.09.2008, Neue Westfälische

Debüt gelungen, Lampenfieber besiegt

Erstes Konzert des Knabenchors Gütersloh

Gütersloh (NW). Sie sind zwischen sieben und fünfzehn Jahren alt, haben über ein Jahr lang zusammen geprobt und bilden seit Sonntagabend eine neue feste Größe in der Gütersloher Chorlandschaft: Der Knabenchor Gütersloh hat sein Debütkonzert mit Bravour gemeistert.
Die rotschwarz gekleideten Jungen zogen mit ihren klaren Stimrnen die gut gefüllte Martin-Luther-Kirche mit differenziert ausgestalteten Liedern in ihren Bann.
Ernst Leopold Schmid. Sigmund Bothmann und Benjamin Reichert, die drei Leiter des Chores, orientieren sich in punkto Niveau offensichtlich an bayerischen und sächsischen Traditionsknabenchören und der Erfolg desAbends gab ihrem Konzept recht. Lediglich bei Benjamin Brittens einleitender "Missab brevis in D op,63" wirkten die zwanzig jungen Sänger des Kernchores zunächst hörbar gefordert - besonders die Soprane laborierten an veritablen Fröschen im Hals, was auch der Intonation abträglich war – aber gegen Ende des Glorias fassten sich die Jungen ein Herz, vergaßen ihr Lampenfieber und zeigten, was sie konnten. ,,Tu solus Altissimus" - ab dieserZeile brillierte der Chorklang zuverlässig in klangvoller Schönheit.
Die Knaben führten ihre klaren, selbstbewussten Kinderstimmen druckfrei und detailorientiert und verschmolzen bei den meist dreistimmigen Liedern in absoluter Tonsauberkeit, kongruenter Gestaltung, deutlichster Aussprache und perfekter rhythmischer Kongruenz zu einem hell erstrahlenden präsent-sympathischen Klangkörper.
Immer wieder wechselte die Besetzung: Fürfünf Mozartkanons - besonders die spachlich deftige Originalfassung von ,,Bona Nox" machte den Jungen sichtlich Vergntigen - und einige clavinovabegleitete, mit Herzblut interpretierte Volkslieder durften auch die jüngeren Sänger vom ,,zweiten Chor" Bühnenluft schnuppern, die mit Siegfried Strohbachs "auf einem Baum ein Kuckucksaß" sogar allein Konzerttauglichkeit bewiesen, und bei drei Hugo-Distler-Motetten erweiterten neun junge Männer jenseits des Stimmbruchs das Klangspektrum des Chors bis zum Bassbereich.
Im Laufe des neunzigminütigen Programms war besonders dem Kernchor, der fast ohne Pause auf der Bühne stand, die Anstrengung anzumerken, ohne dass der Gesang in Mitleidenschaft geriet. Hier wurden die Arme vor der Brust verschränkt, dort ein offensichtlich
eingeschlafener Fuß mit kräftigem Schlenkern wieder aufgeweckt, immer wieder fielen Noten zu Boden, und ein junger Sopran hörte sogar ganz auf zu singen, rannte von der Bühne und kehrte kurz darauf sichtlich erleichtert auf seinen Platz zurück. Dass der blonde Hannes aus dem Alt mit feuchten Händen zu kämpfen hatte, hatte aber ganz andere Gründe: Bei Erich Ferstls ,,Der Mops aus unserem Haus" sang der Neunjährige,
vor Aufregung leicht angeheisert, aber erfrischend präsent, das erste Solo in der Geschichte des Knabenchores. Die Konzertroutine stellt sich bestirnmt bald ein, der Klang ist jetzt schon top - der Knabenchor Gütersloh wird noch von sich hören lassen. Darauf darf sich das Publikum hier und anderenorts freuen.
Von Heike Sommerkamp